Serie: Perspektiven · Teil 3 von 5Case Studies

Was der Abteilungsleiter sieht

Frank Rath
Was der Abteilungsleiter sieht

Im ersten Teil ging es um einen Zettel und drei Menschen, die ihn unterschiedlich sehen. Im zweiten um den Geschäftsführer und seine Rechnung. Diesmal um den Mann in der Mitte — den, der beides kennt und deshalb am wenigsten sagt.

Die Position

Der Abteilungsleiter ist der Einzige im Betrieb, der beide Seiten sieht. Er sitzt in der Besprechung, wenn der Chef über Kosten redet. Und er steht am Tresen, wenn der Kollege sagt, dass die neue App nicht funktioniert.

Das ist keine komfortable Position. Es ist die Position, in der man beiden Seiten erklären muss, warum die andere recht hat — und dafür von beiden Seiten schief angeguckt wird.

Was er über den Prozess weiß

Er weiß, wo die Leichen liegen. Nicht metaphorisch, sondern sehr konkret.

Er weiß, dass Kollege A die Mengen immer großzügig schätzt und man das rausrechnen muss. Er weiß, dass bei Kunde B die Zahlen doppelt geprüft werden, seit es letztes Jahr Ärger gab. Er weiß, dass der Zettel von der Baustelle im Norden immer erst am nächsten Morgen kommt, weil der Fahrer dort direkt Feierabend macht.

Nichts davon steht irgendwo. Es steht in seinem Kopf, weil er seit sieben Jahren jeden Abend draufschaut.

Und genau das ist der Punkt, an dem Digitalisierungsprojekte ihn verlieren: Wenn jemand sagt, das Abtippen könne eine Maschine übernehmen, hört er nicht „wir sparen eine Stunde“. Er hört: „Die sieben Jahre in deinem Kopf sind gerade wertlos geworden.“

Warum er trotzdem nichts sagt

Im Meeting sagt er: „Ja, das könnte man automatisieren.“

Er sagt nicht: „Wenn ihr das automatisiert, fällt niemandem mehr auf, wenn bei Kunde B was schiefläuft.“

Das hat Gründe, und keiner davon ist Faulheit. Erstens: Er kann es nicht in einem Satz erklären. Was er weiß, ist ein Geflecht aus hundert Einzelfällen, kein Argument. Zweitens: Wer im Meeting Bedenken äußert, ist der Bremser. Das weiß jeder, der schon mal in so einem Meeting saß. Drittens — und das ist der unangenehme Teil: Wenn er zu deutlich sagt, dass ohne ihn nichts läuft, klingt das, als wolle er sich unentbehrlich machen.

Also nickt er. Und baut sich danach die Excel-Liste.

Die Excel-Liste

Sie ist das Symptom, an dem man erkennt, dass die Übersetzung nicht stattgefunden hat.

Sie entsteht immer gleich: Die neue Software läuft, die Daten sind schneller im System, alles gut. Nach drei Wochen fällt dem Abteilungsleiter auf, dass zwei Positionen durchgerutscht sind, die er früher abgefangen hätte. Er sagt nichts — was soll er auch sagen, das Projekt ist gerade abgeschlossen und alle sind zufrieden. Stattdessen exportiert er sich freitags die Daten und schaut selbst drüber.

Die Excel-Liste steht in keinem Projektbericht. Sie taucht in keiner Kostenrechnung auf. Sie ist einfach da, dauert eine halbe Stunde die Woche, und sie ist der Grund, warum der Betrieb trotz der neuen Software noch funktioniert.

Der Abteilungsleiter repariert das Projekt still, und niemand erfährt davon.

Was daraus folgt

Untersuchungen zur Einführung neuer Systeme zeigen ein Muster, das genau hierher passt: Mitarbeitende befürchten, dass ihre langjährige Expertise durch neue Systeme ersetzt werden könnte — mit der Folge, dass sie ihr Wissen nicht weitergeben, um ihre Unverzichtbarkeit zu wahren.

Das klingt nach Taktik. Meistens ist es keine. Es ist eine völlig normale Reaktion darauf, dass niemand gefragt hat.

Denn hätte jemand gefragt — richtig gefragt, nicht im Meeting, sondern in Ruhe — hätte der Abteilungsleiter alles erzählt. Kollege A und die Mengen. Kunde B und die doppelte Prüfung. Die Baustelle im Norden. Er hätte es gern erzählt, weil es ihn seit Jahren nervt, dass das alles nur in seinem Kopf existiert.

Was er eigentlich braucht

Nicht die Rückkehr zum Zettel. Er weiß selbst, dass abends abtippen keine sinnvolle Verwendung seiner Zeit ist.

Was er braucht, ist eine Zusage: Dass die Prüfung nicht verschwindet, sondern umzieht. Dass das, was er im Kopf hat, in Regeln übersetzt wird — Kollege A wird bei Mengenabweichungen über zwanzig Prozent markiert, Kunde B bekommt automatisch die zweite Prüfschleife, der Zettel aus dem Norden darf einen Tag alt sein, ohne dass das System Alarm schlägt.

Dann ist seine Erfahrung nicht wertlos geworden. Sie ist zum ersten Mal aufgeschrieben.

Und der Nebeneffekt ist der, den der Geschäftsführer eigentlich wollte: Sie funktioniert jetzt auch, wenn der Abteilungsleiter im Urlaub ist.

Die Frage, die hilft

„Was fällt dir auf, wenn du drüberschaust?“

Nicht „wie lange brauchst du dafür“. Nicht „könnte man das automatisieren“. Sondern: Was siehst du, was ein anderer nicht sehen würde?

Auf diese Frage bekommt man in zwanzig Minuten mehr über den Betrieb zu hören als in drei Workshops. Aber man muss sie stellen, während man allein im Raum ist. Im Meeting sagt er nur, dass man das automatisieren könnte.

Im nächsten Teil: Was der Mann vor Ort sieht — und warum er die zwei Minuten nicht hergibt.

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