Serie: Passende Software · Teil 2 von 5KI-Praxistipps

Gute Software erkennt man daran, was sie weglässt

Frank Rath
Gute Software erkennt man daran, was sie weglässt
Symbolbild, KI-generiert

Jede Software wird über das verkauft, was sie kann. Niemand wirbt damit, was er weggelassen hat. Dabei ist genau das die interessante Information.

Was jede Funktion kostet

Eine zusätzliche Funktion ist nicht kostenlos, auch wenn man sie nicht nutzt.

Sie kostet einen Menüpunkt, an dem man vorbeischauen muss. Ein Feld im Formular, das man überspringt. Eine Einstellung, die man verstehen muss, um sie zu ignorieren. Und ein Stück Unsicherheit: Brauche ich das? Habe ich etwas übersehen?

Bei zehn Funktionen fällt das nicht auf. Bei hundertzwanzig ist es der Grund, warum jemand lieber wieder in Excel arbeitet.

Der Reflex bei der Auswahl

Wer Software vergleicht, vergleicht Listen. Anbieter A kann dreißig Dinge, Anbieter B kann sechzig. B sieht besser aus.

Das ist ein verständlicher Reflex und meistens der falsche. Denn die Frage ist nicht, was das System kann, sondern was es von Ihnen verlangt.

Ein System, das sechzig Dinge kann, verlangt in der Regel mehr: mehr Stammdaten, mehr Einstellungen, mehr Entscheidungen bei der Einrichtung. Wer die Zeit hat, bekommt dafür etwas. Wer sie nicht hat, bekommt ein halb eingerichtetes System.

Der bessere Maßstab

Nicht: Was kann es?

Sondern: Wie viele Schritte brauche ich für das, was ich jeden Tag mache?

Ein Betrieb schreibt vielleicht acht Rechnungen pro Woche und legt zwei Kunden an. Das sind die Vorgänge, die zählen. Wenn eine Rechnung sechs Klicks braucht statt drei, sind das über ein Jahr rund achthundert Klicks — für Funktionen, die nie benutzt werden.

Warum wir Dinge weglassen

Wenn wir für einen Betrieb etwas bauen, ist die schwierigste Frage nicht, was rein muss. Es ist, was nicht.

Fast jeder Betrieb nennt im Gespräch Dinge, die er „vielleicht später mal“ braucht. Auswertungen, Statistiken, ein zweites Lager, eine Schnittstelle. Es ist verlockend, das gleich mitzubauen — es ist ja nur ein bisschen mehr Aufwand.

Wir tun es nicht. Nicht aus Geiz, sondern weil jede dieser Funktionen die Oberfläche belastet, ab dem ersten Tag, für einen Nutzen, der vielleicht nie eintritt. Und wenn er eintritt, bauen wir sie dann — mit dem Wissen, wie der Betrieb inzwischen arbeitet, statt mit einer Vermutung von heute.

Die Ausnahme

Es gibt eine Sorte Vorausdenken, die sich lohnt: die Datenstruktur.

Was man sichtbar weglassen kann, muss man unsichtbar vorbereiten. Wenn absehbar ist, dass ein Betrieb irgendwann ein zweites Fahrzeug oder einen zweiten Standort hat, dann wird das Datenmodell darauf ausgelegt — auch wenn in der Oberfläche kein einziges Feld dafür auftaucht.

Der Unterschied ist entscheidend: Eine Funktion, die man nicht sieht, kostet nichts. Eine Datenstruktur, die man später ändern muss, kostet viel.

Was das für die Auswahl heißt

Wenn Sie sich Software anschauen, fragen Sie nicht nach dem Funktionsumfang. Fragen Sie: Zeigen Sie mir, wie ich eine Rechnung schreibe.

Und dann zählen Sie mit.

Im nächsten Teil: Warum ein Betrieb, der schon Software hat, nicht bei null anfangen muss.

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